Philosophie für eine Welt im Wandel

Die fortschreitende Digitalisierung verändert unsere Gesellschaften mit beispielloser Geschwindigkeit, Komplexität und Tragweite. Wir kommunizieren anders, arbeiten anders, bewegen uns anders und selbst unsere Liebesbeziehungen kommen plötzlich anders zustande. Diese Umbrüche stellen uns in der Politik, Zivilgesellschaft und Unternehmensführung genauso wie im Privatleben vor neue Fragen: Wie verstehen wir Liebe, wenn Algorithmen die

voraussichtliche Dauer von Beziehungen berechnen können? Wie kann die Industrie 4.0 sozialverträglich gestaltet werden, sodass Roboter uns die Arbeit abnehmen, anstatt sie uns wegzunehmen? Brauchen wir ein bedingungsloses Grundeinkommen, um nicht noch mehr Menschen zu gesellschaftlichen Verlierern zu machen? Und können wir weiterhin auf unbegrenztes Wirtschaftswachstum setzen?

 

Wir wollen den Wandel gestalten. Die Philosophie kann hier einen Beitrag leisten.

 

Um diese Fragen zu beantworten, müssen wir verschiedene Perspektiven zusammenbringen. Eine dieser Perspektiven ist die Philosophie. Mit ihrer Tradition und Expertise in der Auseinandersetzung mit lebenspraktischen, anthropologischen und gesellschaftlichen Fragestellungen kann die Philosophie dazu beitragen, Orientierungsmöglichkeiten zu erarbeiten. Das gilt sowohl für politische und zivilgesellschaftliche Akteure als auch für Unternehmen und jeden einzelnen Menschen im Alltag. So unterschiedlich diese Ebenen auf den ersten Blick zu sein scheinen: Immer geht es darum, sich mit der Welt im Wandel auseinanderzusetzen, die eigene Rolle in ihr zu reflektieren und bewusst zu gestalten. Nur auf diese Weise lässt es sich vermeiden, dass man sich als Spielball des Wandels erfährt.

 

Besonders drängend stellt sich uns in dieser Zeit die Grundfrage der praktischen Philosophie: „Wie will oder sogar soll ich leben?“ Wenn wir hierüber nachdenken, stellen sich uns schnell die Fragen nach Ethik, Sinn und Glück im Leben. Wir brauchen auf diesen Feldern gerade heute Antworten, weil unsere Freiheit größer und greifbarer geworden ist. Durch die

Vielfalt der Lebensmuster, flexiblere Arbeits-, Wohn- und Partnerschaftskonzepte können wir der Aufgabe kaum noch ausweichen, unseren Lebensentwurf selbst zu erarbeiten. Die praktische Philosophie kann uns bei dieser Aufgabe unterstützen und wichtige Koordinaten zur Verfügung stellen.

 

Um unsere Rolle im Wandel zu gestalten, müssen wir uns außerdem mit der anthropologischen Grundfrage befassen: „Was macht den Menschen aus?“ Diese philosophische Frage steht genauso im Zentrum erfolgreicher Unternehmensführung, wo es darum geht, Menschen zu leiten und auf Kundenbedürfnisse zu reagieren, wie auch im Zentrum der politischen Gestaltung. Nicht weniger zentral ist diese Frage im Privaten, wo wir an Selbstbestimmung

gewinnen, desto besser es uns gelingt, uns selbst zu verstehen. Die philosophische Anthropologie bietet hier wichtige Ansätze.

 

Nicht nur der einzelne Mensch, auch die Gesellschaft insgesamt und damit Identitäten, Leitbilder und Anerkennungsverhältnisse befinden sich im Wandel. Wird es uns dadurch einfacher fallen, lebendige, konstruktive, resonante Weltbeziehungen einzugehen? Oder wird die Digitalisierung zu einer weiteren Entfremdung im Sozialen führen? Um diese Fragen beantworten zu können und die Wechselwirkungen zwischen Digitalisierung und Gesellschaft zu begreifen, brauchen wir sozialphilosophische Analysen.

 

Wir philosophieren bereits, auch wenn wir dies nicht beim Namen nennen.

 

An diesen Beispielen wird deutlich, dass philosophische Überlegungen gerade heute allgegenwärtig sind. Das ist kein Wunder, denn alte Gewissheiten geraten ins Wanken und wir müssen uns neu orientieren. Indem wir uns die philosophische Dimension unseres Nachdenkens bewusstmachen und die Philosophie als Fachdisziplin für unsere Überlegungen fruchtbarmachen, können wir unsere Reflexion auf eine differenziertere Grundlage stellen.

 

Wie wollen wir miteinander leben? Wie definieren wir Glück und Wohlstand für uns? Wie könnte die soziale Marktwirtschaft von morgen aussehen? Wie werden wir uns fortbewegen, wie unser Geld verdienen, wie werden

wir lieben und worauf werden wir hoffen?

 

Eine Zeit des Umbruchs ist eine Zeit des Philosophierens – Eine spannende Zeit, in der wir verstehen und neue Weichen setzen können!